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Archiv für Juni, 2008

Welchen Wert hat ein Leben?

Ninni Holmqvist „Die Entbehrlichen“, 320 Seiten, 19,90 €, Fahrenheit, ISBN: 978-3940813008;

Wir haben ein Problem: Die Menschen werden immer älter und damit immer teurer. Das Lösungsmodell von Ninni Holmqvist ist ethisch nicht korrekt, es ist auch nicht sympathisch, es fasziniert in seiner Schlichtheit: Frauen ab 50 und Männer ab 60 kommen, sofern sie keine Kinder haben, in die „Einheit“ als Ersatzteillager für den anderen Teil des Gesellschaft. Die Entbehrlichen dienen den Benötigten.

Joyce Carol Oates „Du fehlst“, 488 Seiten, 22,90 €, S. Fischer, ISBN: 978-3100540140;

Mutter und Tochter – eine ganz besondere Beziehung, geprägt von Erwartungen, Hoffnungen, Enttäuschungen, von Missverständnissen und von Liebe. Um die geht es in diesem Roman der amerikanischen Vielschreiberin Joyce Carol Oates. Und es geht um eine typisch-amerikanische Mittelstandsfamilie.

Josep Pla „Der Untergang der Cala Galiota“, 152 Seiten, 19 €, Berenberg, ISBN: 978-3937834221;

Noch einmal ein Minderheiten-Schriftsteller: Josep Pla (1897 bis 1981) gilt als größter katalanischer Erzähler und hat dem Katalan der alten Sprache, die in der Gegend um Barcelona gebraucht wird, neues Leben eingehaucht. Als Journalist war er auch der Chronist seiner Heimat und hat viele Traditionen vor dem Vergessen bewahrt.

Yasmine Ghata „Die Nacht der Kalligraphen“, 153 Seiten, 17,90 €, Ammann, ISBN: 978-3250600862;

Kemal Atatürk schuf mehr als den heutigen Staat Türkei. Er brach in allen Lebenslagen mit den osmanischen Traditionen. Er bekämpfte den Einfluss der Religion, reformierte die Sprache und wechselte die Schrift: Statt der arabischen wurde die lateinische Schrift eingefügt. Damit wurde das Ende der Kalligraphen zwangsläufig. Keiner spürte das mehr als Rikkat Kunt, eine der wenigen Frauen, die bis in die 20er Jahre diese große Kunst ausübten.

Edward St Aubyn „Nette Aussichten“, 200 Seiten, 17,90 €, Dumont, ISBN: 978-3832180249;

„Schöne Verhältnisse“, „Schlechte Neuigkeiten“ und jetzt „Nette Aussichten“. Nach Erlösung klingt der Titel des dritten und letzten Teils der so genannten Melrose-Triologie nicht gerade. Darum geht es auch nicht: Zwar kann Protagonist Patrick Melrose endlich offen reden über die Vergewaltigung durch den Vater, dafür aber benimmt sich der halbe englische Hochadel daneben.

Google, ausgegoogelt

Glücklicherweise ist der bedauerliche Bann seit heute  beendet, mit dem Google mich fast zwei Wochen belegt hatte. www.lesenblog könne Schäden am Computer verursachen, hieß es – von wegen! Vier Tage lang, von 4. bis 7. Juni legte ein Trojaner meine Seite lahm, in dem er die User auf eine chinesische Website umlenkte. Dann war der Fehler beseitigt, was ich Google auch mehrfach meldete. Trotzdem wurde bis gestern noch gewarnt … Das ist die Google-Diktatur!

Reinhard Sieder „Patchworks – Das Familienleben getrennter Eltern und ihrer Kinder“, 409 Seiten, 29,50 €, Klett-Cotta, ISBN: 978-3608945065;

Schön wäre es, wenn es stimmte: „Es ist ein Mythos, dass das Zerbrechen der Ehe (…) unweigerlich zu Lasten der betroffenen Kinder geht.“ Der Wiener Familiensoziologe Sieder will anhand von sechs Fallbeispielen nachweisen, dass Kinder von Trennung profitieren können, wenn es den Ex-Partnern gelingt, zwei neue Zuhause einzurichten.

Amedeo Modigliani/Norbert Wolf „Modigliani – Erotische Zeichnungen“, 64 Seiten, 19,90 €, Prestel, ISBN: 978-3791339252;

So schön kann ein Kunstbuch sein. Der Prestel-Verlag, bekannt für seine hochwertigen Editionen, hat dem berühmten italienischen Maler ein würdiges Vermächtnis gewidmet. Die „Erotischen Zeichnungen“ bestechen durch ästethische Schlichtheit, Würde und den Respekt vor der Unvollkommenheit des Körpers. In seinem Nachwort erklärt Wolf die Motive des früh verstorbenen Malers (1884 bis 1920), der gleichwohl ein riesiges Sujet hinterlassen hat.

Wie war das da so mit den 68ern?

Peter Fleischmann „Die Zukunftsangst der Deutschen“, 328 Seiten, 19,90 €, Fahrenheit, ISBN: 978-3940813015;

Auf den ersten Blick klingt der Titel wie der der Studie eines Meinungsinstituts zur Lage der Nation. Tatsächlich aber hat Peter Fleischmann die Geschichte einer Liebe in Zeiten des Umbruchs geschrieben. Das richtige Buch für 2008, wo sich die Deutschen die Medien an 40 Jahre 68-Umbruch erinnern.

Alain de Botton „Glück und Architektur – Von der Kunst, daheim zu Hause zu sein“, 288 Seiten, 22,90 €, S. Fischer, ISBN: 978-3100463210;

Man ist nicht nur, was man isst. Man ist auch, wie man wohnt. Das überrascht nicht wirklich, aber so pointiert wie der in der Schweiz geborene Wahl-Londoner hat sich bisher noch kein Schriftsteller mit der „Kunst, daheim zu Hause zu sein“ befasst. Die sechs Essays sind so geschrieben, dass auch schlichtere Gemüter sich darin wiederfinden.

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