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Archiv für Juni, 2011

Eine kurze, verbotene Liebe

John Boyne „Das Haus zur besseren Verwendung“, 560 Seiten, 24,90 €, Arche, ISBN: 978-3716026427;

Das Haus zur besonderen Verwendung ist ein zynischer Begriff. Es handelt sich nämlich um jenes Haus, in dem 1918 nach der Oktoberrevolution die russische Zarenfamilie umgebracht wurde. Die ganze? Die ganze! Und doch halten sich seither Legenden, wonach ausgerechnet die jüngste Tochter Anastasia verschont geblieben sein soll (was nachweislich nicht stimmt). Und genau von der und ihrer großen Liebe zum Bauernsohn und Leibwächter Georgi handelt dieser Roman.

Selim Özdogan „Heimstraße 52“, 302 Seiten, 19,95 €, Aufbau, ISBN: 978-3351033378;

„Euer Leben wird in der Fremde vergehen“, mit dieser Warnung war Gül aus der Türkei nach Deutschland gegangen. Und tatsächlich verzehrt sie sich nach der Heimat, nach der Familie, nach den beidenTöchtern, als sie in dem fremden Land, in der Heimstraße 52,  lebt. Es dauert lang, bis sie in diesem auf den ersten Blick so kalten Land Herzenswärme findet.

Angst fressen Aufbruch auf

Daniela Dröscher „Gloria“, 160 Seiten, 18,90 €, Berlin, ISBN: 978-3827009074;

Eigentlich schreibt Daniela Dröscher, 34-jährige Münchnerin mit Wohnsitz in Berlin, ja fürs Theater. Und das merkt man ihren Erzählungen, ihren Miniaturen, auch an. Sie umfassen immer einen ganzen Kontinent. Es geht um Menschen, die aufbrechen wollen und die von Dröscher in all ihren Gefühlen dargestellt werden.

Wolfgang Schömel „Die große Verschwendung“, 260 Seiten, 19,95 €, Klett-Cotta, ISBN: 978-3608939033;

Geschichten, wie diese, passieren regelmäßig in Deutschland 2011. Politiker, die sich maßlos überschätzen, Wirtschaftsleute, die dies ausnutzen und daran gut verdienen, Frauen, die nicht wissen, wo sie zwischen Macht, Geld und Eros stehen. Wolfgang Schömel, seit über 20 Jahren Kulturreferent der Hansestadt Hamburg, hat eine Geschichte aus dem öffentlichen Kulturbetrieb erzählt, die so satirisch klingt wie nur die Wahrheit sein kann.

Vielfalt statt Angrenzung

Zafer Senocak „Deutschsein – Eine Aufklärungsschrift“, 180 Seiten, 16 €, Edition Körber, ISBN: 978-3896840837;

Die Veröffentlichung dieses Buchs hat wohl nichts mit der Sarrazin-Debatte von vorigem Herbst zu tun, aber jene mal verlogene, mal irritierende Diskussion wird durch diese andere Perspektive ergänzt. Was ist „Deutschsein“? Und: Welche Rolle spielt die Aufklärung, jene Epoche, die uns eigentlich freier gemacht haben soll?

Nicholas Carr „Wer bin ich, wenn ich online bin …“, 384 Seiten, 19,95 €, Blessing, ISBN: 978-3896674289;

Kai Hinrich Renner/Tim Renner „Digital ist besser“, 246 Seiten, 22 €, Campus, ISBN: 978-3593392080;

Das Netz ist inzwischen alles: Hier pflegen wir soziale Kontakte, tauschen uns also mit anderen Menschen aus, wir kaufen ein, wir organisieren unsere Freizeit und verbingen einen Großteil unserer Freizeit. Dass die digitale Revolution, die unser Leben in den vergangenen 15 Jahren extrem verändert hat, nicht ohne Folgen auf uns Menschen bleibt, ist klar. Zwei neue Bücher dazu:

Die Gewalt frisst auch Kinder

Giorgio Vasta „Die Glasfresser“, 320 Seiten, 19,99 €, DVA, ISBN: 978-3421044471;

Terror in klein: Nimbus, elf Jahre alt, gründet 1978 in Palermo mit Bocca und Scarmiglia eine Aktionszelle nach dem Vorbild der Roten Brigaden. Aus dem Kinderspiel wird irgendwann Ernst, eine grausame Realität.

James Hamilton-Paterson „Vom Meer“, 240 Seiten, 19,90 €, Mare, ISBN: 978-3866481190;

Man muss schon eine besondere Neigung zum Meer haben, fast eine Liebesbeziehung, um so ein Buch zu schreiben. Auf James Hamilton-Peterson, Brite mit Wahlheimat Österreich, trifft dies zweifelsfrei zu. Seine Faszination für das Meer wird in diesem Buch zu einer Mahnung für einen sorgsamen Umgang mit den natürlichen Ressourcen.

Des Kinis besondere Eigenarten

Klaus Reichold/Thomas Endl „Ludwig Forever“, 200 Seiten, 24 Euro, Hoffmann und Campe, ISBN: 978-3455502008;

Er war der Michael Jackson des 19. Jahrhunderts: Reich, exzentrisch und voller wundersamer Ideen. Und ohne ihn und seine Verschwendungssucht wäre Bayern heute nicht so interessant und attraktiv für Touris aus aller Welt. König Ludwig II. von Bayern, dessen Todestag sich heute zum 125. Mal jährt.

Hans-Christian Buch „Apokalypse Afrika oder Schiffbruch mit Zuschauern“, 272 Seiten, 29 €, Eichborn, ISBN: 978-3821862361;

Am Schluss steht ein Brief an den Bundespräsidenten. Horst Köhler soll, so appelliert, Hans Christoph Buch am 22. April 2008 Paul Kagame, den ruandischen Präsidenten, nicht in Deutschland empfangen. Engagiert wie dieser Brief ist diese Reportagensammlung. Buchs Geschichten vermitteln keinen Optimismus und kein Wohlgefühl, es sind Berichte von Orten, an denen das Leben hart, ungerecht und gefährlich ist.

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