Sozialismus + Kapitalismus = Revolution

Adrian Geiges, „Wie die Weltrevolution einmal aus Versehen im Schwarzwald begann“, 313 Seiten, 19,95 €, Eichborn-Verlag, ISBN: 978-3821856612;

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In den 70er, 80er Jahren war die Welt noch in Ordnung: hier die Guten, dort die Bösen, hier der Westen, dort der Osten. Nur solche Leute wie Adrian Geiges saßen dazwischen: Der Bub aus dem Schwarzwald war bereits als Schüler ein unverbesserlicher Kommunist.

Er schloss sich der sozialistischen Jugendorganisation SDAJ an und wurde zur Kaderschulung konspirativ in die DDR geschickt. Er war Redakteur für das von der DDR finanzierte Jugendheft Elan, reiste durch die Bruderländer UdSSR und China.

Dann kam Gorbatschows Glasnost, die DKP zerbrach und Adrian kämpfte für Erneuerung und Wandel. Ganz radikal, denn er landete in Moskau, wo er die Seite wechselte und für ein TV-Revolvermagazin die sexuellen Vorlieben der Russen untersuchte.

Die schönsten Geschichten aber erzählt der heutige Stern-Korrespondent aus Peking, wo er für den Elpermann-Konzern (unschwer als Bertelsmann zu erkennen) Zeitschriften entwickelt. Eigentümer-Gattin Liz Mohn beschreibt er als selbstsüchtiges, besserwisserisches Weibchen.

Mutig, mutig, denn auch der „Stern“ gehört zum Elpermann- pardon Bertelsmann-Konzern. Geiges Autobiografie ist Zeitgeschichte pur, aus einer ungewöhnlichen Perspektive erzählt, schwungvoll und voller Selbstironie erzählt. Lesenswert!

Bewertung: *****

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2 Gedanken zu „Sozialismus + Kapitalismus = Revolution

  1. Das Buch, in dem der Autor seinen Weg vom DKP-Mitglied und Berufsrevolutionär zum Bertelsmann-Manager beschreibt, sagt mehr über den Autoren als über die Verhältnisse in der DKP oder bei Bertelsmann aus.

    Obwohl Adrian Geiges den Marxismus-Leninismus in der DDR studiert hat und heute als Stern-Korrespondent in China arbeitet, sind seine Lebenserinnerungen letztlich wenig politisch.

    Die Schilderungen über sein Studium an der Jugendhochschule der FDJ beinhalten allerlei Erlebnisse, beschreiben jedoch nicht den Inhalt des Studiums selbst und die Diskussionsprozesse innerhalb seiner Studiengruppe oder an der Hochschule.

    Wer Ende der 1970iger und Anfang der 1980iger Jahre die theoretischen Grundlagen des Kommunismus studiert hat, musste sich fast zwangsläufig auch mit Themen wie die des Eurokommunismus, des Verhältnisses UdSSR – China, dem sogenannten besonderen jugoslawischen Weg, aber auch mit der Ausbürgerung Wolf Biermanns oder der KSZE-Schlussakte von Helsinki auseinandersetzen. Darüber steht nichts in Adrian Geiges Buch. (Der Autor (SB) dieser Rezension war selbst Student der Jugendhochschule und später in Dortmund „Kampfgenosse“ Geiges‘.)

    Dafür wird denjenigen reichlich Gelegenheit gegeben, die zwar die DDR kaum kannten, aber schon immer wussten, wie es dort zugeht, ihre Urteile zu pflegen. Geiges schreibt vom erkalteten Mittagsessen aus der Kantine, von vom Papier abgelesenen Vorträgen und von Mongolen, die im Mehrbettzimmer vögeln.

    Die Jugendhochschule als einen der „geheimsten Orte der DDR“ zu bezeichnen, ist schlichtweg Unsinn. An der Jugendhochschule fanden an Wochenenden Kongresse, Rekrutenvereidigungen der NVA sowie andere hochrangige Veranstaltungen statt. In einem von der DEFA produziertem Propagandafilm der FDJ für kommunistische Jugendorganisationen in Dritte-Welt-Ländern wird Werbung für den Komplex gemacht und in dem bei VEB F.A. Brockhaus Leipzig erschienen Bildband „Afrika im Aufbruch“ ist die Jugendhochschule ganzseitig mit Studierenden aus Afrika abgebildet. In verschiedenen Auflagen des im Verlag Neues Leben erschienenen Bandes „Ge-schichte der FDJ“ ist die „Jugendhochschule Bogensee“ erwähnt, zum Beispiel bei der Auszeichnung mit der NVA-Medaille in Gold am 8. März 1975.

    Adrian Geiges verliebt sich in Sandy aus Karl-Marx-Stadt und geizt nicht mit dem Hinweis, dass in der DDR wegen der fehlenden Reisemöglichkeiten viele Kinder englische Namen bekamen. Sandy war damals 22 und wurde demnach 1956 oder 1957 geboren; da aber war zumindest die Grenze nach Berlin (West) noch offen und englische Namen wurden in der DDR erst viel später populär.

    Besonders ärgerlich ist die Schilderung über den „Teddy-Club“. Die Clubmitglieder, meistens SDAJ-Mitglieder, spendeten für jedes Bier, das sie in der Gaststätte der Schule tranken, einen bestimmten Betrag in die Solidaritätskasse. Benannt war der Club nach Ernst „Teddy“ Thälmann. Irgendwann soll die Schulleitung hinter das Trei-ben des Clubs gekommen sein und, so Geiges, habe man sie vor der Schulleitung, vor Vertretern des FDJ-Zentralrats und der Zentralen Parteikontrollkommission der SED antreten lassen. Man habe ihnen vorgeworfen eine gegen die FDJ gerichtete Organisation gegründet zu haben, deren Mitglieder, falls die illegale Tätigkeit fortgesetzt werden, mit Zuchthaus bestraft werden würde. Zur Strafe habe die Gruppe 2 Wochen lang Sonderlektionen, jeden Abend von 20 bis 24 Uhr, anhören müssen. (Seite 49)

    Selbst wenn man dem Leser glauben lassen möchte, dass es tatsächlich so war, dann hätte Geiges die Parteikontrollkommission der SED aus der Geschichte rauslassen müssen. Die hatte in der FDJ und der Jugendhochschule nichts zu suchen. (Die Autorität der SED wurde gegenüber der FDJ über andere, inoffizielle Wege durchgesetzt. SB)

    Diese Geschichte über die Auflösung des Teddy-Clubs ist schlichtweg frei erfunden. Den am Ende der Buches wegen ihrer wertvollen Hinweise gedankten Professor Ulrich Huse von der Hochschule der Medien in Stuttgart und Gunther Latsch vom Spiegel hätte das auffallen müssen. Etwas vornehmer ausgedrückt wird so etwas „literari-sche Verdichtung“ genannt.

    Nach seinem DDR-Aufenthalt ist der Autor nun jahrelang hauptamtlicher Funktionär. Die Schilderungen darüber dümpeln ohne wirkliche Höhepunkte dahin. Auch hier ist wieder besonders ärgerlich, dass der Autor keine politischen Prozesse beschreibt, die in den 1980er Jahren in den linken Bewegungen diskutiert wurden. Kohls erste Kanzlerschaft, die Flickaffäre oder die Annäherung zwischen der Bundesrepublik und der DDR kommen einfach nicht vor.

    In jedem Kapitel beschreibt der Autor seine sexuellen Erlebnisse, die allesamt ohne Emotionen und Liebe geschildert werden, alles ein nur technischer Vorgang, der umso häufiger vorkommt, je mehr Geld der Autor verdient.

    Dem in anderen Buchbesprechungen gemachten Vergleich mit Leonhards „Die Revolution entlässt ihre Kinder“ oder Hermann Webers „Damals als ich Wunderlich hieß“ hält das Buch nicht stand. Besonders Leonhard beschreibt seinen persönlichen Lebenslaufes im Verhältnis zu den Mechanismen des Stalinismus anhand der politischen und ideologischen Grundlagen der KPdSU. Weber tut dies anhand der politischen Prozesse in der DDR in den ersten Jahren nach 1945.

    In einem Telefoninterview mit David Harnisch vom 28.08.2007 sagte Adrian Geiges:
    „Ich beschreibe in meinem Buch ja auch wie ich in allen Organisationen, egal ob es die Kommunistische Partei war oder ob es große Unternehmen sind; da setzen sich oft die gleichen Charaktere durch, nämlich so die Speichellecker und die Angepassten und die kommen dann oft in diese Positionen, weil sie diese Ignoranz und Ignoranz haben.“

    Für einen führenden Funktionär der Kommunistischen Partei und Bertelsmann-Manager eine erstaunliche Einsicht.

    Geiges Buch hätte besser „Ich wollte doch nur vögeln“ geheißen. Dann hätte er keinen politischen Anspruch formulieren müssen.

    Steffen Barsch
    Steffen.BarschATweb.de

  2. Es ist natürlich das gute Recht von Steffen Barsch,
    Dinge anders zu bewerten als ich. Doch nach dem Motto
    „Was nicht sein darf, kann nicht sein“ streitet er
    Fakten ab: Das Verbot des Teddy-Klubs hat sich genauso
    abgespielt wie im Buch beschrieben. Sandy hieß zwar
    nicht Sandy (ich verweise am Beginn meines Buchs auf
    die Verfremdungen), hatte aber einen anderen
    englischen Namen.

    Mit herzlichen Grüßen aus Peking
    Adrian Geiges

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