Margwelaschwili und das Ende der Eiszeit

Giwi Margwelaschwili „Der Kantakt“, 800 Seiten, 36 €, Verbrecher, ISBN: 978-3940426192;

Was für ein erstaunliches Leben: Giwi Margwelaschwili, inzwischen 83 Jahre alt, geboren als Sohn georgischer Flüchtlinge in Berlin, nach dem Krieg entführt in die Heimat seiner Väter und dort festgehalten, bis 1987 – kurz bevor die Mauer fiel. In dem 2009 erschienen 800-Seiten-Wälzer „Der Kantakt“ schreibt der alte Mann über sich selber aber auch über sein Jahrhundert, über die Wechselwirkungen zwischen Politik und Literatur.

Man kann sicher nicht behaupten, hier werde die Optik über den Inhalt gestellt. Der Papp-Einband ist lindgrün, in dunkelgrüner Schrift darauf  Titel und Autor. Nichts lenkt also ab von den Inhalt6en. Und so hat es der in Berlin-Wedding in einem Plattenbau lebende Schriftsteller und Philosoph wohl immer gehalten.

1927 nur wenige Kilometer entfernt in Wilmersdorf geboren, nachdem seine Eltern vor den Sowjets aus Georgien geflohen waren, besuchte er in Berlin auch das Gymnasium. Bis ihn und seinen Vater, der an der Uni Berlin lehrte, 1946 doch der sowjetische Geheimdienst in die Finger bekam und nach Georgien verschleppte. Dort starb nach Folterungen der Vater, und Sohn Giwi verdingte sich nach dem Studium Jahrzehnte lang als Lehrer und Dozent – ohne sich dort wirklich heimisch zu fühlen.

Erst seit Ende der 1980er Jahre  nimmt er teil am Ende der Eiszeit. Von da an kann der ehemalige Biermann-Freund regelmäßig nach (West-)Deutschland reisen. 1993 ließ er sich endgültig in Berlin nieder, und zwei Jahre später wurde er Stadtschreiber in Rheinsberg. Genau, jener Stadt, die durch Tucholskys „Bilderbuch für Verliebte“ ewigen Ruhm gewann.

Das alels spielt in „Der Kantakt“ eine Rolle, deshalb sei dies so ausführlich dargestellt. Denn Giwi Margwelaschwili erzählt, wie er versucht mit Tucholskys Liebespaar Wölfchen und Clairchen anzubandeln, mit ihnen zu sprechen und philosophiert sich an sie heran. Redet von ihnen und über sie und spricht mit den Nebenfiguren aus Tucholskys Geschichte. Nur den Kantakt, äh Kontakt zu Claire und Wolfgang, der gelingt ihm nicht.

Eingeflochten in diese erstaunliche Geschichte sind viele Erfahrungen aus Margwelaschwili bewegtem Leben. Ein Leben, das immer stark von der Liebe zur Poesie geprägt war und von der Suche nach der geistigen Heimat Deutschland.

Möge es ihm nicht gehen wie so vielen Emigranten deutscher Sprache aus Giwi Margwelaschwilis Altersklasse: Sie sind längst vergessen. Immerhin, der Berliner Verbrecher-Verlag bemüht sich, möglichst viel zu veröffentlichen und verleiht Giwi Margwelaschwilis Oeuvre ein einzigartiges Design.

Bewertung: *****

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